Verfasst von: joanemarie | 2. April 2008

O bella Italia

Osterferien in der Toskana

Noch am Ostersonntag, dem 16.04. 2001, hatte ich nicht die leiseste Vermutung, dass ich einen Tag später am Abend im Hotel „Ritz“ in Modena bin, auf der Bettkante sitzend eine Schnitte als Abendbrot verspeise, mein Mann sein mitgebrachtes Bierchen trinkt und unser kleiner Hund bereits seine Nachtruhe auf dem breiten französischen Bett begonnen hat.

Unser Ziel, in den Osterferien in die Toskana zu fahren, hatten wir auf dem Nachmittagsspaziergang im Park von Babelsberg festgelegt.


So begannen wir nach der Abfahrt des Sohnes, unseres Gastes, eiligst den Koffer zu packen, der Kühlschrank wurde ausgeräumt, die Kühltasche gefüllt, und am frühen Morgen, gegen 4.30 Uhr starteten wir von Potsdam aus zu einer, gewissermaßen, Fahrt ins Blaue.

Die Reise verlief zunächst auf noch ziemlich leerer Autobahn, was sich aber bald ändern sollte. Genauso verhielt es sich mit dem Wetter, bei der Abreise noch trocken und mild, während der gesamten Fahrt durch ganz Deutschland- bis kurz vor München- nichts als Regen.

In Eding kam die Sonne schon mal zeitweilig zum Vorschein, so dass wir die Regenpause zum letzten Einkauf, einige Hundebüchsen, etwas Kartoffelsalat für den Kraftfahrer und zum Geldumtausch nutzten.

Dann waren es noch ca. 200 km bis zum Brennerpass. Auf der letzten Tankstelle am Brenner wurde nochmals getankt, vorsichtshalber kaufte ich ein kleines italienisches Wörterbuch.

Gegen 18.00 Uhr kamen wir nach 1100 km endlich in Modena an, fanden nach einiger Mühe auch ein recht gutes Hotel, 150 DM für das Doppelzimmer, und erkundeten noch am Abend das Zentrum von Modena mit einer herrlichen Altstadt im Renaissancestil. Leider hatten wir nicht genug Zeit, am neuen Morgen ging unsere Fahrt weiter.

Wir wollten nun endlich ein richtiges Urlaubsdomizil in der Toskana finden. Auf der „Autostrada“ rollten wir bereits mehr als 1 Stunde in Richtung Florenz, an einer Raststätte besorgten wir uns 2 Karten für die Toskana und Florenz, doch die an der Autobahn angezeigten Orte konnte ich im fließenden Verkehr gar nicht so schnell auf der Karte finden, da waren sie auch schon wieder vorbei. So entschieden wir uns kurz vor Florenz, doch lieber die normale Landstraße nach Signa und Empoli zu fahren.

Außerhalb des Großraums von Florenz begann die Landschaft verkehrsberuhigter zu werden, und wir bekamen Lust auf die Toskana. Doch welch spröden Charme diese Landschaft entfaltete, entdeckten wir auf der Suche nach einem geeigneten Ferienhaus.
Der Ort Castelfiorentino gefiel uns schon vom Namen her, so dass hier die Suche konkret wurde .
Meine nicht vorhandenen Italienischkenntnisse, gepaart mit etwas Französisch, Spanisch und Englisch waren jetzt sehr gefragt. Deutsch bekamen wir nur ganz wenig zu hören.<a

So ergab es sich, dass uns die Wegbeschreibung zu einem kleinen Ferienhaus in der „Campagne“ (auf dem Land) so richtig in den Schlammassel führte. Unser Auto steckte in einer großen Feldwegkuhle fest, voll gefüllt mit Wasser und Schlamm. Mit abgestorbenen Olivenzweigen, einer Decke und anderen Holzknüppeln errichteten wir einen Damm, nachdem mein Mann mit dem Wagenheber die Vorderräder aus der weichen, toskanischen Erde etwas angehoben hatte, aber die Versuche, das Auto auf diese Weise zu befreien, waren ergebnislos. Es sah inzwischen aus, als wenn es die Taiga durchquert hätte, unsere Schuhe und Hosen ebenfalls.

Völlig entnervt ging mein Mann dann los zu einem in der Nähe liegenden Gehöft, um Hilfe zu holen. Dazu musste er zunächst eine Wanderung durch ein tiefes Tal durchführen, ich dagegen sollte beim Auto bleiben und es gegebenenfalls verteidigen.

Nach einer guten Stunde erschien er mit einem Traktor, ich wüsste zu gern, wie er den bei seinem Sprachtalent organisiert hatte, aber ein guter Kunstlehrer konnte eben mit Händen und Füßen reden. Jedenfalls wurde unser Auto rückwärts aus der Kuhle gezogen und unsere Suche nach einem Quartier begann von neuem.

In Castelfiorentino wieder angekommen, entdeckten wir schließlich eine Touristeninformation. Dort half man uns vorübergehend zu einer zeitweiligen Urlaubsadresse.

In dem dicht besiedelten Land in der Nähe von Florenz, „Firenze“, wie die Italiener sagen“, war es immer noch schwierig gewesen, trotz Wegbeschreibung und Kartenmaterial unser Appartement auf einem Weingut, wie sich herausstellen sollte, zu finden.

Aber dann war aller Stress vorbei. In der Appartmentanlage „L’Olmo“ wurden wir und vor allem unser Hund „Carina“ sehr herzlich aufgenommen, so dass wir uns schon nach wenigen Minuten richtig heimisch fühlten. Die Seniora sprach etwas Deutsch und war sehr tierlieb (3 Hunde, ca. 7 Katzen und viele Hühner).

Linker Hand von ihrem schönen Garten dehnte sich der Blick auf ein großes Tal mit Weinbergen aus und oberhalb unseres Casa lag der Ort „Gambassi“, wo wir in den Abendstunden noch eine Pizza essen waren.

Mit den Wirtsleuten kamen wir sehr schnell ins Gespräch, zumal sie fanatische Fans von Michael Schuhmacher waren. .

19.4.01 In einem ADAC- Spezial über die Toskana wurden neben Städten wie Florenz, Siena, Pisa und Lucca besonders 2 sehr alte Orte erwähnt, die besonders sehenswert seien und das waren Volterra undSan Gimignano, die von unserem Feriendomizil nur 25 km entfernt lagen. Unser 1. Ausflug führte uns daher zunächst nach Volterra.

Die Stadt wurde schon um 700 v.Chr. von den Etruskern gegründet, die vielen alten verwinkelten Bauten entstanden zum größten Teil aus dem 12. und 13. Jahrhundert. Besonders beeindruckt waren wir von den 1950 ausgegrabenen Überresten eines zur Zeit Kaiser Augustus gebauten Amphitheaters, das mindestens 2000 Besucher fasste.

Aber auch die Stadtmauer und ihre Tore drückten sichtbar die wechselvolle Geschichte und den Stolz der Bürger von Volterra aus, die sich bis in die Gegenwart vor den Machtansprüchen der Päpste in Rom oder derer von Medici wehren mussten. Sehr interessant für uns war auch der Besuch in der Manufaktur „Rossi“ wo der berühmte Alabaster bearbeitet wurde.

Am Nachmittag fuhren wir noch nach San Gimignano,
dem Manhattan des Mittelalters in der Toskana, so genannt wegen der einzigartigen Geschlechter- Turmhäuser, von denen es noch 13 Exemplare in San Gimignano gibt. Auch dort empfing uns Geschichte und Kunst in trauter Gemeinsamkeit.

Foto von San Gimignano aus Wikipedia

Quelle: Wikipedia/ San Gimignano

Laut ADAC hat die Stadt im Jahr ca. 2 Mill. Besucher und der Konsum in den Gassen ziemliche Oberhand gewonnen, sodass man die historischen Ansichten der Häuser nur erahnen kann.

Gleichwohl ist die Stadt ein sehr beindruckendes, mittelalterlich erhaltenes Gesamtkunstwerk ,das sich nur denjenigen erschließt, die abseits der Touristenmassen in Ruhe und Gelassenheit durch die Tore schreiten und auch den Blick ins Innere der Häuser richten.

Als wir abends wieder bei unseren Wirtsleuten ankamen, hatten wir um so mehr das Gefühl im Herzen der Toskana zu sein. Tagsüber war es damals schon richtig schön warm (19 – 20 Grad), abends blies hier auf den Bergen (300 m hoch) aber immer noch ein ziemlich kalter Wind, so dass wir froh über unser heizbares Zimmer waren.

20.4.01 Eigentlich wollten wir am Vormittag mit dem Zug nach Florenz fahren und hatten uns dementsprechend nach Abfahrtzeiten und Preisen erkundigt, aber welche Enttäuschung bei der Eisenbahn wurde gestreikt. Kurz entschlossen, fuhren wir mit dem Auto weiter nach Siena , nur 40 Minuten später waren wir angekommen. Es war ein Fehler, schon weit außerhalb der eigentlichen Altstadt zu parken und zu Fuß den Berg hinauf zum Dom San Marco und zur Altstadt zu laufen. Es gab keinerlei Fußwege und der Verkehr war ziemlich heftig. Stehen bleiben , um zu schauen und für den Hund zum Schnuppern, gab es nicht. Andererseits fanden wir auf unserem etwa 10 Minuten dauerndem Fußmarsch allerlei Mitbringsel, wie große Pinienzapfen, die seitdem meinen Weihnachtstisch zieren und mich an Siena erinnern, oder echte „terra di Siena“- Erde, die sich mein Mann unterhalb der Burganlage von San Marco in einen Beutel einsackte, um später damit zu malen. Endlich auf dem Domplatz (346,4 m hoch) angekommen, erwartete uns ein beeindruckenden Panorama des „Piazza del Duomo“.

Während wir auf der breiten in Marmor gebauten Treppe vor dem Dom saßen, den Blick auf Säulen, Figuren etc. aus Alabasta (Portal des Doms) gerichtet und emsig fotografierten, wurde ich immer wieder von den Touristen nach der Rasse meines Hundes gefragt und ihr Bedauern ausgedrückt, dass sie ihren Liebling während der Reise zu hause lassen mussten. Sie wurde dementsprechend viel gestreichelt und liebkost, auch dafür dass sie so viel Geduld für das kunstinteressierte Herrchen aufbrachte.

Leider wurde im Dom gebaut und viele Wände waren eingerüstet, was aber dem Staunen über die Größe und Wucht der Kirche keinen Abbruch tat.

Dann liefen wir weiter durch die Gassen zum Campo von Siena, wo jedes Jahr im Sommer (2. Juli und 16. August) der berühmte Palio, ein wildes Pferderennen inmitten der Stadt stattfindet.

Dieser Piazza del Campo ist von seiner Anlage her wohl einzigartig in der Welt.

Ein großer, von hohen Palästen und Bürgerhäusern umstandener Platz in Form einer Muschelschale ist in leicht abschüssiger Form angelegt,dass von einem gedachten Punkt in der Mitte alle Linien zu diesem strahlenförmig zusammenlaufen. Man hat den Eindruck, wieder im Mittelalter angekommen zu sein.

Wir hatten uns die Zeit genommen, in einem der vielen Cafe`s einen Capuccino zu trinken und das Fluidum des Campo, bzw. seine Besucherströme zu beobachten und in uns aufzunehmen.

Gegen Abend besichtigten wir auf unserer Heimfahrt noch die alte Festung Monteriggioni, eine der Burganlagen von vielen Verteidigungsfestungen derer von Medici.
Wir bedauern es jetzt schon, dass wir am neuen Morgen in ein kleines Ferienhaus umziehen werden. Es hat uns hier sehr gut gefallen und wir möchten gern einmal wiederkommen.

21.04.2001

Nachdem wir von dem schönen Weingut Abschied genommen hatten, fuhren wir zunächst mit dem vollgepackten Auto nach „Vinci„, dem Geburtsort von Leonardo da Vinci. Wir hatten den ganzen Sonnabend lang Zeit, da wir erst um 16.00 Uhr unser neues Ferienhäuschen in Emfpang nehmen konnten. das Wetter war alles andere als angenehm. Es blies ein sehr kalter Wind und die Temperaturen kletterten gerademal auf 10 C°.

Schon am frühen Morgen peitschte der heftige Wind wahre Regengüsse über das Land. Wenige Zeit später war alles wieder vorbei und nur die umgeworfenen Blumentöpfe zeugten vom Unwetter.So konnten wir wenigstens im Trockenen packen. Als wir gegen 11 Uhr in Vinci angekommen waren, sahen wir Massen von geparkten Autos entlang der wenigen Straßen, wenig später die Ursache dafür, eine Ankündigung eines großen Festes auf einem Transparent, quer über die Straße gespannt, worauf stand, dass vom 21. April bis Ende Juni „die Leonardia…“ stattfindet und wir also zur Eröffnung gekommen waren.

Mein Mann schätzte nachträglich dieses Fest ein: „Es war nichts groß zu sehen…“ Der Ort hat uns nicht gefallen, die Suche nach einem Restaurant zum Essen und Aufwärmen verlief ergebnisslos, lediglich billige und kitschige Souvenirs gab’s in Hülle und Fülle. Das schlechte Wetter hielt uns davon ab, eine Wanderung von ca. 3-4 Km zum Geburtshaus von L.da Vinci zu unternehmen. Enttäuscht kamen wir gegen 14.30 Uhr nach Castelfiorentino zurück, sahen, dass wir auch noch den Markt versäumt hatten und konnten uns wenigstens in einer kleinen Bar etwas aufwärmen, wo es zu unserer Freude auch was zu essen gab, gebrutzeltes Entenfleisch , was uns mit der Toskana wieder versöhnte.

Um 16.00 Uhr war die Schlüsselübergabe zum Ferienhaus. Vorsichtshalber fragte ich nach, ob jedes Zimmer eine elektrische Heizung hätte, was uns versichert wurde. Unser „Casa Adriana“ sollte inmitten typisch toskanischer Landschaft mit malerischem Blick auf Hügel und Täler liegen.Das traf auch zu, wir fuhren in eine fast menschenleere Gegend.

Aber was für eine Enttäuschung als wir das Haus inspizierten: die Wohnküche war nur mit dem Kamin beheizbar. Nach einigen Stunden war es zwar vor dem Kamin einigermaßen warm, aber der Raum an sich weiterhin kalt. Der kleine Korb mit Holzvorrat, dünnen Zweigen und Latten schnell aufgebraucht, es war inzwischen Abend und wir froren wie die Schneider.

Das Schlafzimmer hatte nur einen kleinen Radiator, auf 500 Watt eingestellt, bei jeder Veränderung der Einstellung flogen sofort die Sicherungen des Stromkreises raus, sodass wir völlig im Dunkeln saßen. (Alles war nur mit einem Stromkreis abgesichert.) Dann mußte einer von uns rauss ins Freie, vor’s Gartentor, wo der Schaltkasten angebracht war. Wenige Zeit später hatten wir die gleiche Situation Blos gut, dass wir Schlafsäcke mithatten.

So stand für uns fest, dass wir dieses Haus nicht bis zum Ende der Woche behalten wollten. Im Sommer wäre es sicherlich ideal, wenn es warm ist und man alle Fenster und Türen öffnen kann, jetzt aber bei fast noch winterlichen Temperaturen nicht zu gebrauchen. So überlegte ich die halbe Nacht lang nach Argumenten, englische Formulierungen für schlechte Heizung u.a. In Gedanken sah ich uns schon in den Wäldern Holz sammeln, zumal mein Mann schon geäußert hatte, sich am nächsten Tag eine Axt zu kaufen, dabei wollten wir doch nach Florenz und Kunstschätze betrachten. Nein also, dass hätten wir ja in unserem Park auch haben können.

So fuhren wir gleich am kommenden Tag, dem Sonntag wiederum zur Touristeninformation nach Castelfiorentino, um unser kleines schönes, aber kaltes Häuschen wieder loszuwerden.

Argumente für die Rückabwicklung des Mietvertrages fand ich im italienischen Wörterbuch .

Dann machten wir uns auf den Rückreiseweg zum Brenner, wo wir den Grund für die kalten Tage sahen. Es hatte viel geschneit. Der Brenner und die Täler hatten gut 50cm Neuschnee.

So kamen wir Nachts wieder in der Heimat an, hatten trotz nur einer Woche Urlaub viel gesehen und den Traum begraben, dass man auch für immer in der Toskana leben könnte.

Neben der schönen Toskana gibt es eben auch die kalte….


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